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Wofür brennst du?
Knochensägen mit Musik

Wofür brennst du Titel Knochensägen

Ohne TV-Serien könnten wir nicht einmal beschwören, dass es sie tatsächlich gibt. Denn nie hatten wir als Patient mit ihr mehr als einen letzten verschwommenen Blickkontakt, bevor die Augen zufielen. Und im Gegensatz zum Chirurgen wird der Patient sie später nicht wiedersehen. Von wem die Rede ist? Von der OP-Schwester! Und eine, die ihren Job liebt und keinen anderen machen möchte, ist Melanie. Im neuen Interview aus der Reihe „Wofür brennst du?“ berichtet sie von den Besonderheiten eines handfesten Traum-Berufes im Mikrokosmos OP.

#1 Warum hast du dich dazu entschieden, OP-Schwester zu werden?

Nach der Ausbildung gab es nur 2 freie Arbeitsplätze für mich. Zum einen in der Inneren oder im OP. Da die Innere nicht unbedingt mein liebstes Arbeitsspektrum war, habe ich mich für einen Probeeinsatz im OP entschieden. Ich war vom ersten Moment von diesem „Mikrokosmos“ gefesselt und fasziniert, was mich dazu bewegte die freie Stelle anzunehmen.

#2 Schildere doch bitte kurz deinen beruflichen Werdegang

Nach dem Abitur absolvierte ich zunächst eine 3-jährige Ausbildung zur Krankenschwester. Nach dem Examen folgten 3 Jahre, in denen ich im OP arbeitete und Erfahrungen sammelte. Daran schloss sich dann eine 2-jährige Fachweiterbildung und das Examen zur OP-Fachschwester an. Insgesamt also eine 7-jährige Ausbildung.

#3 Kein Tageslicht, vollverkachelter Arbeitsplatz und sterile Arbeitskleidung in lindgrün – kann da im OP überhaupt gute Stimmung aufkommen?

Das Bild einer OP Abteilung ist sehr stark von bekannten TV Serien geprägt. Natürlich haben wir dort Tageslicht und Fenster, verkachelt ist der OP auch nicht und unsere Arbeitskleidung im Anna ist nicht grün sondern babyblau. Ob es die Sache jetzt besser macht… man weiß es nicht :)

Die gute Stimmung am Arbeitsplatz entsteht nicht durch optische Gegebenheiten, sondern durch die Menschen mit denen man arbeitet.

Wir hören Musik während der OPs, unterhalten uns miteinander und albern zeitweise miteinander rum. Genauso versuchen wir dem Patienten, wenn er nicht in Vollnarkose ist, durch unser Verhalten die Angst vor der OP und vor uns zu nehmen.

#4 Was ist für dich die größte physische/psychische Herausforderung in deinem Beruf?

Die größte psychische Herausforderung sind für mich Tot- oder Fehlgeburten. Ich bin ja keine Maschine und bei solchen Schicksalsschlägen fühlt man unweigerlich mit und nimmt es auch mit nach Hause. Während meiner ersten Schwangerschaft, in der ich auch gearbeitet habe, konnte und wollte ich an diesen Operationen nicht teilnehmen. Zum einen weil ich mich damit nicht belasten wollte und ich es für die Patientin als unangemessen betrachtet hätte, mit einer glücklich verlaufenden Schwangerschaft am Tisch oder im Saal zu sein.

Die größten physischen Herausforderungen waren OPs, die über viele, viele Stunden gingen. Meine längste OP dauerte 10 Stunden. 10 Stunden, in denen man hochkonzentriert sein musste und alle eigenen physischen Bedürfnisse (Hunger, Durst, Pipi) versucht wegzuatmen.

#5 Braucht man ein besonderes Selbstbewusstsein – wie ausgeprägt ist die Hierarchie im OP-Saal?

Ein gesundes Selbstbewusstsein ist auf alle Fälle von Vorteil. Im OP herrscht eine klassische Hierarchie und oftmals auch ein etwas rauerer Ton. Man braucht ein dickes Fell und muss sich gerne auch mal etwas anhören, insbesondere wenn der Operateur unter Druck steht oder seine Macht demonstrieren möchte. Und den richtigen Zeitpunkt, um sich wegen ungerechter Behandlung zu beschweren, gibt es selten.

Viel wichtiger ist aber das „Teamplay“, was im OP wahrscheinlich stärker ausgeprägt ist, als in anderen Abteilungen im Krankenhaus. Ohne ein vernünftiges Miteinander und Hand–in–Hand–Arbeiten der verschiedensten Arbeitsgruppen (operierende Ärzte, OP-Schwestern und -pfleger, Anästhesieärzte und –Schwestern/Pfleger, sowie das Reinigungspersonal) wird es schwer, gut und vor allem effizient zu arbeiten. Da darf dann auch mal die Schwester was sagen ;)

#6 Eine Arbeitsagentur wollte Stewardessen für die Tätigkeit im OP vermitteln

nach dem Motto: „Wer Kaffee und Tomatensaft anreichen kann, kann auch Instrumente anreichen.“ Heutzutage ist häufig Personal mit unterschiedlichen beruflichen Qualifikationen im OP beschäftigt. Wie schätzt du diese Entwicklung ein?

Klasse, Stewardessen im OP. Dann darf ich bestimmt bald mal Saft im Flugzeug anreichen…

Also, wenn es alleine um die Tätigkeit des Instrumentierens an sich und im Speziellen geht, könnte man bestimmt auch einen dressierten Affen dort positionieren. Allerdings ist das ja nicht alles. Es geht um die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung eine Operation. Um das Einhalten von Hygieneregeln, Sicherstellen der Sterilität, um Patientensicherheit und um den Selbstschutz.

Nicht alleine das Instrumentieren ist relevant. Man sollte schon wissen, was bei der OP gemacht wird, warum das so gemacht wird, welche Instrumente gebraucht werden und wie diese benutzt werden. Man sollte mitdenken, zuhören und aufpassen. Eine gute OP-Schwester hat meist das passende Instrument in der Hand, bevor der Operateur es anfordert. Das spart Zeit, Kraft und ist im Notfall lebenswichtig.

Auch die so genannte Springertätigkeit erfordert Wissen von der laufenden OP. Zu benutzende Materialien müssen bereitgelegt werden, steril angereicht und evt. anfallende Präparate versorgt werden. Nachfolgende Operationen müssen vorbereitet und gelaufene Operationen müssen nachbereitet werden. Verschiedensten Geräte müssen bedient und eingestellt werden, es muss geröngt werden, ….

#7 Würdest du heute immer noch sagen, dass OP-Schwester dein Traumberuf ist?

Ja, es ist immer noch mein Traumberuf!

Ich finde es immer wieder faszinierend in den menschlichen Körper schauen zu können, bei einer Geburt dabei zu sein, Organe in den Händen halten zu können, etc pp.

Auf Knochenbrüche kann ich gerne verzichten, das Geräusch der Reposition (des Richtens) verursacht bei mir immer schwere Gänsehaut, aber ansonsten macht es Spaß.

Die Atmosphäre im OP ist etwas ganz besonderes, auch wenn man unter Druck und Zeit arbeiten muss.

Ein ganz herzliches Dankeschön an Melanie, für diesen spannenden Einblick in einen ‚Traum‘-Beruf, den die meisten von uns leider nicht bei vollem Bewusstsein kennenlernen können!

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