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Kann man Geschmack bestellen?

Titelbild Geschmack

Wenn man so kurz vor Weihnachten die Online-Werbeflut auf sich wirken lässt, dann könnte man den Eindruck bekommen, man sei immer nur einen einzigen Mouseklick entfernt…von einem Leben in Stil, Glanz und Gloria. Und nicht nur das…die für mich befremdlichste ‚Entdeckung des Jahres‘ sind Webseiten, die Männern komplette Outfits per Post nach Hause schicken, und das nicht nur für die Weihnachtsfeier. Aber wer nimmt solche Dienste in Anspruch?!  Was sind das für Männer, die sich ernsthaft durch Computer-Algorithmen und Stylisten ihre Kleidung raussuchen lassen?

Das letzte Mal, dass ich mir etwas habe rauslegen lassen, war von meiner Mutter. Im Kindergarten. Und auch da habe ich schon so lange diskutiert, bis meine Mutter schweißgebadet nachgegeben hat. Bis auf ein einziges Mal, da musste ich in einem kratzigen selbstgestrickten grauen Mohair-Pullover mit weinroten Rauten zum Blockflöten-Auftritt in den Kindergarten – Horror! Ok, unsere Tochter hat auch schon im Kindergarten diskutiert, unser Sohn lässt sich in der 4. Klasse noch die Sachen morgens von mir rauslegen – aber er weiß auch, dass Mama einen großartigen Geschmack hat ;-) Trotzdem hoffe ich, dass er das demnächst dann auch mal selber für sich in die Hand nimmt!

Lieber schlechten Geschmack als gar keinen

Zur Geschmacksbildung gehört, dass man auch mal alles falsch macht. Irrwege geht. Sich ausprobiert. Ich sag nur „braune Wildleder-Jacke aus dem Second-Hand-Laden kombiniert mit angeranztem Arafat-Schal“. Danach kam eine Zeit, da habe ich nur graue Rollkragen-Lambswool-Pullover von Benetton getragen. Anschließend kamen die späten Neunziger, die in einer Abwärtsspirale des schlechten Geschmacks endeten – für uns alle! Manche sind da leider nie wieder rausgekommen…

Nach und nach achtet man mehr auf Details, weiß, dass nicht alles schreien muss, wie eine Warnweste auf der Loveparade. Lernt, dass eine Basics-Garderobe aus Klassikern eine gute Grundlage ist für weitere Verfeinerungen. Kommt Zeit, kommt Rat – und Stil. Dafür muss man sich mit der Materie beschäftigen, selbst einkaufen gehen, Magazine lesen. Nur so kann man Fehler machen, sehen was an einem selbst funktioniert und was nicht.

Was jedenfalls nicht funktioniert ist, einfach nur teure Label zu kaufen und sich damit zu behängen wie ein Christbaum. Ich saß vor einigen Monaten in einem Meeting und mir gegenüber hatte mein Gesprächspartner noch das Boss-Etikett auf dem Ärmel. Jetzt mal ganz ehrlich, es bringt nicht wirklich was, wenn du an dich „Boss“ dranschreibst, aber wie Hugo aussiehst. Und es sagt dir kein Online-Style-Guide „Bitte schneiden Sie die Etiketten vor dem ersten Tragen ab!“ – das hast du entweder von Mama gelernt, oder spätestens dein erstes Date lacht sich darüber kaputt. Aber dann weißt du es wenigstens!

Über Geschmack kann man nicht streiten

Und das ist auch gut so. Denn was die einen trashig finden, ist für andere schon wieder lässig. Und muss man wirklich immer irgendwie etwas besonderes an sich haben, was die anderen nicht haben? Kann man nicht auch einfach mal Mainstream rumlaufen, zwischen allen anderen wohlig unauffällig? Ich gebe ehrlich zu, es gab eine kurze Zeitspanne zwischen sagen wir mal Kindergarten und Anfang Dreißig, da habe ich meinen eigenen Geschmack immer wieder in Frage gestellt. Mit Ende Dreißig weiß ich jedenfalls endlich, was mir zumindest einigermaßen steht. Was manchmal als Stilsicherheit ausgelegt wird, ist bei mir aber auch zwischendurch einfach sicheres Auftreten bei geschmacklicher Ahnungslosigkeit. Mit Mitte Zwanzig wäre ich gestorben, wenn ich bei einer Veranstaltung das Gefühl gehabt hätte, ich hätte das falsche Outfit gewählt. Mittlerweile juckt mich das fast gar nicht mehr – ich tue einfach so, als wäre es vollste Absicht gerade genau so rumzulaufen.

Das „Black Tie“ auf einer Einladung zu übersehen und in Sneakern aufzutauchen ist eine Sache, dann aber vor Scham zu sterben und vorauseilend zu erwähnen, dass man sich wohl vertan habe, macht es nur noch schlimmer. Und hätte man einen Online-Style-Guide befragt? Dann hätte man zwar den passenden Nerd-Pulli zu den coolen Retro-Sneakern an, aber noch lange keine schwarze Krawatte um!

Und wie fühlt ihr euch? Stilsicher, unsicher oder völlig egal?

Herzlichst,
Christina

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2 Kommentare

  • Antwort
    Melanie
    7. Dezember 2015 at 8:57

    Gute Tag,
    wiedermal sehr schön geschrieben von Dir.
    Stil ist das Ende eines Besens oder wie sagt man so schön?
    Ich laufe rum wie es mir gefällt, mal im Mama-Gammel-Look (weil es sich nicht lohnt mit ner 1jährigen ordentlich gekleidet loszuziehen), mal sportlich, mal lässig oder auch gut gestylt.
    Ob mir das alles steht, tja da scheiden sich die Meinungen…
    Der Gatte würde mich am liebsten den ganzen Tag in seriösem Zwirn sehen. Gut das er zu 80% des Tages arbeiten geht und den Kindern ist es noch ziemlich Schnuppe. Hauptsache ich kann rumalbern, toben und turnen.
    Angezogen wird was gefällt, passt, einigermaßen sauber und dem Anlass entsprechend ist.
    In diesem Sinne…
    LG

    • Antwort
      Christina
      7. Dezember 2015 at 15:09

      Lieben Dank für deine Meinung zu dem Thema :-)

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