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Achtsamkeit to go?

Achtsamkeit to go 2

Achtsamkeit ist angesagt! Die Achtsamkeit quillt gerade aus allen Zeitungen und Zeitschriften, sie springt einem von Buchtiteln und Titelblättern entgegen. Beseelte Menschen, gestresste Menschen, erleuchtete Manager in Buddhismuskostümen, sie alle haben sie als Allheilmittel entdeckt und die Presse sorgt dafür, dass sie auch im hintersten Winkel Verbreitung findet. Mindfulness als Pflichtentspannungsprogramm in großen Konzernen – längst schon da.

Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken.

Dabei hat Achtsamkeit ja im Kern etwas Gutes. Es geht darum, sich und seine Umwelt bewusst wahrzunehmen, die Sinne zu aktivieren und sich als Teil des Ganzen zu begreifen. Tut man dies, so die wunderbare Formel, geht man bewusster und am Ende besser mit sich und der Umwelt um. Aus der Wahrnehmung entsteht die Achtung. Der Respekt.

Und wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, wird einen Teufel tun und nur weil er ein bequemer Mensch ist, von Hamburg nach Frankfurt das Flugzeug nehmen, auf dass die Wolken nicht mehr essbar sind. Oder er zahlt zumindest pflichtschuldigst einen Beitrag, damit sein Flug wieder rein hypothetisch CO2-neutral wird – übrigens eine geniale Geschäftsidee, nur so nebenbei!

Durchatmen – wegatmen – glücklich sein

Und jetzt soll man wieder hören. In sich rein und woanders zu. Aber wir haben doch keine Zeit! Und die wollen wir uns eigentlich auch nicht nehmen, um zu meditieren.

Dass sich „Achtsamkeit“ als Mainstream-Bewegung eignet, war lange unvorstellbar. Zu esoterisch-anrüchig war das ganze Gewese, was lange Zeit um die spirituelle, von Buddha einst gelehrte, Vertiefung in sich selbst gemacht wurde. Bis vor kurzem war das nur den Menschen vorbehalten, die mit gebatikten Chakren-Tüchern und viel Räucherwerk ausgestattet meist auf Bali, La Gomera oder in einem mitteldeutschen Zentrum für Energie- und Lichtarbeit herumsaßen und in sich hinein hörten – gerne schon vor dem Sonnenaufgang.

Früher wurde monatelang meditiert, dann kamen die ersten 8-Wochen-Programme auf, heute gibt es Bücher, die „3-Minuten-Achtsamkeit“ propagandieren.

Was da nicht alles versprochen wird

Symptome und Beschwerden (z.B. Stress, Schmerzen, Erschöpfung, Leid, Ängste) reduzieren

Selbstbeherrschung und Impulskontrolle erlangen

das Immunsystem aktivieren

die Stimmung verbessern

und sich leichter in jeder Lebenslage entspannen

Das ist jetzt nicht euer Ernst, oder?! Und das alles durch ein paar Minuten atmen und in sich hinein hören?! Alles absolut massentauglich – McMindfulness. Was den neuen Glücksstrategien allesamt gemein ist, sie verlangen die gezielte Entleerung des Hirns – da müssen einige ja nicht viel für tun, könnte man jetzt ganz gemein denken. Achtsamkeit ist quasi selbst ein Teil der Beschleunigungs- und Selbstoptimierungskultur geworden, zu der sie ursprünglich einen Gegenpol bilden sollte.

Achtsamkeit ist das neue Wellness

Und weil in die Achtsamkeit alles reinpasst, was irgendwie mit Wahrnehmung zu tun hat, mit Sehen, Riechen, Fühlen, Hören und Schmecken, ist sie ein wunderbares Vehikel für die Medien, um alles zu verkaufen, was eine neue Verpackung braucht. Artikel über „Achtsamkeitsmeditationen“ fluten ebenso die Seiten wie über Achtsamkeitsyoga und Achtsamkeitsatmung. Ich bin mir sicher, es wird nur noch wenige Wochen dauern, dann wird die „Brigitte“ das Achtsamkeitskochen propagieren, im nahtlosen Übergang zur Brigitte-Diät, die „Happinez“ stellt eh schon nur Produkte vor, die irgendwie zum Achtsamkeitsshopping passen. Alles immer schön illustriert mit den Fotos einsamer Menschen, die mit geschlossenen Augen Räucherstäbchen abbrennen oder japanische Schriftzeichen tuschen oder Yoga im Wald machen.

Wenn es hilft, sollen die Leute halt atmen. Wenn es aber darum geht, nur noch sich selbst zu hören/spüren/riechen/atmen, dann heißt es doch im Umkehrschluss, dass es etwas Unachtsameres als die „Achtsamkeit“ kaum geben kann. Nirgendwo in den vielen Anleitungen zur Achtsamkeit habe ich je gelesen, dass sie sich doch bitte freundlicherweise auf das richten sollte, was das ärgerlicherweise immer noch vorhandene Gegenüber sagt oder fühlt. Die ungeteilte Aufmerksamkeit für den anderen, „die seltenste und reinste Form von Großzügigkeit“, hat Jonathan Safran Foer einmal in einem traurigen Artikel für die „New York Times“ schrieb, ist inzwischen die Ausnahme, nicht die Regel.

Wenn Achtsamkeitstrainings mittlerweile von Arbeitgebern angeboten werden, um die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter zu steigern, dann ist Achtsamkeit zu einem Produkt geworden, dass konsumiert werden soll, um noch besser zu funktionieren und sich selber ein gutes Gefühl einzureden. Absurd, oder?!

Welche Erfahrungen habt ihr mit der „Achtsamkeit“ gemacht? Bisher noch gar keine oder räuchert ihr euch schon kräfig ein?

Ein Label als neuer Verkaufsschlager – darauf erst mal einen Yogi-Tee!

Herzlichst,
Christina

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1 Kommentar

  • Antwort
    FABIENNE
    1. März 2016 at 11:26

    Ganz ehrlich – sehr achtsam habe ich den Artikel nicht gelesen!

    Denn ich bin gerade in den letzten Zügen meine Website zu launchen und wollte mich gar nicht ablenken lassen, bis ich deinen tollen Artikel gesehen habe!

    Und ja, ich sitze hier mit meinem Yogi-Tee, und habe mir somit die Weisheit des Tages schon abgeholt:
    „Ein würdevolles Leben endet nicht!“
    Passt doch, oder?

    Ja, es ist ein Hype um all die Achtsamkeit entstanden, der in meinem Augen aber gleich den Perfektionisten wieder rausholt. Denn was muss ich tun um perfekt zu meditieren? Wie bekomme ich möglichst viel in nur 2.5 Minuten rausgeholt!
    Das ist anstrengend.

    Trotzdem habe ich es zu meinem morgendlichen Ritual gemacht, nach ein paar Yoga-Flows noch ein paar Minuten still zu sitzen, dankbar zu sein und mich auf die 3 wichtigsten Dinge für den Tag zu konzentrieren.
    Mal klappt’s besser, mal nicht so. Mal sitzt meine Tochter in meinem Schoß und wir meditieren gemeinsam.

    Ich sehe den Sinn und Mehrwert diese Ruhe in mir zu schaffen, denn ich fühle mich stärker und klarer.
    (Leider hat das mit dem Aktivieren des Immunsystems noch nicht ganz so geklappt – next level!)

    So, jetzt zurück zu meiner Webseite….Dieser kleine Ausflug hat gut getan! Danke!

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